Autor: Mirjam Winter

  • Mindfulness in Leadership-Training und Unternehmenskultur

    Mindfulness in Leadership-Training und Unternehmenskultur

    Die Search Inside Yourself-Methode (SIY) wurde 2007 von dem Google-Ingenieur Chade-Meng Tan mit Unterstützung von Fachleuten wie Jon Kabat-Zinn (MBSR) entwickelt. Das Leadership-Training für mehr Achtsamkeit am Arbeitsplatz etablierte sich bei Google zum Teil der Unternehmenskultur und wurde dann auf Anfragen expandiert. Inhaltlich geht es vor allem um die Stärkung der Emotionalen Intelligenz – „der zentralen Leadership-Fähigkeit“ – durch Achtsamkeit und Meditation: Selbstwahrnehmung, soziales Bewusstsein, Selbststeuerung und Beziehungsmanagement. Und um die Vorteile, die sich aus einer täglichen Praxis ergeben: eine gute Führungskraft sein, persönliche Leistungsfähigkeit, Glück, Wohlbefinden und Zufriedenheit. SIY bezieht sich auf Forschungsergebnisse (siehe auch MBSR), das Programm wird immer begleitet und evaluiert. Der zweitägige Workshop kann auch mit großen Gruppen durchgeführt werden.
    Dass sich gerade beim Datenriesen Google so ein Programm entwickelt, ist vorrangig der Persönlichkeit von Chade-Mang Tan zuzuschreiben.

    Mehr Infos: Chade-Meng Tan: Search Inside Yourself. Optimiere dein Leben durch Achtsamkeit (2015, Goldmann Verlag)

    Wie Search Inside Yourself hat der große deutsche IT-Konzern SAP mit der SAP Global Mindfulness Practice ein bekanntes Modell im deutschsprachigen Raum etabliert. Peter Bostelmann, „Chief Mindfulness Officer“ bei SAP, hat das Programm eingeführt und ist ein gefragter Speaker. Über 11.000 Mitarbeitende (Frühjahr 2021) haben ein zweitägiges Achtsamkeits-Training durchlaufen, das sich an dem „Search Inside Yourself“-Programm entwickelte. Nach viel Überzeugungsarbeit vorher und dann guter Mund- zu Mundpropaganda wuchsen Nachfrage und Angebot. Zuerst firmenintern, dann fragten die SAP-Kunden nach dem Programm. Vor dem Kurs, vier Wochen und noch einmal sechs Monate später werden die Teilnehmer*innen befragt. Bostelmann belegt in seinen Vorträgen mit Zahlen, dass die Achtsamkeits-Trainings nicht nur zu einem höheren Wohlempfinden bei den Mitarbeitenden führen, sondern auch dem Unternehmen gut tun: Der Return-on-Invest für Mindfulness-Trainings liege bei mehr als 200 Prozent. Mit positiver „Personal Performance“ fährt er in der Argumentation auch offen einen kommerziellen und firmenbezogenen Zugang, was Kritiker*innen findet.

    Mehr Infos: Mindfulness – The unexpected organizational revolution | Peter Bostelmann | TEDxBerlinSalon, Interview mit Peter Bostelmann, SAP Global Mindfulness Practice

    Wie man Schritt für Schritt neuronale Muster verändern kann, damit beschäftigt sich auch das Salzburger Achtsamkeitsmodell (SAM). Die Entwickler Esther und Johannes Narbeshuber verbinden neueste Erkenntnisse aus Neurowissenschaft und Hirnforschung mit Leadership-Training, Selbstführung und konkreten Übungen für den Alltag und das Arbeitsleben. Basis ist das Verstehen des Zusammenspiels von kognitivem, somatischem und sensorischem System. Das Modell ist seit 2012 im Einsatz, wurde laufend weiterentwickelt und bereits in mehreren hundert Trainings an tausende Teilnehmende vermittelt, so die Autoren.

    Mehr Infos: Esther u. Johannes Narbeshuber: Mindful Leader. Wie wir die Führung für unser Leben in die Hand nehmen und uns Gelassenheit zum Erfolg führt. (2019, O.W.Barth)



  • Forschung & Einsatzbereiche

    Forschung & Einsatzbereiche

    Die Achtsamkeitsforschung ist ein junger, aber sehr aktiver Forschungsbereich. Die Grafik zeigt die Publikationen zum Thema „Mindfulness“ in der weltweiten Datenbank AMRA American Mindfulness Research Association ( Stand Frühjahr 2024).

    Die Studien zeigen:

    • Meditation macht stressresistenter und gelassener, das fördert die Psychische Gesundheit (Resilienz).
    • Achtsamkeitspraxis und Meditation bewirken eine gesteigerte Kontrolle über Konzentration und Aufmerksamkeit,
    • eine bessere emotionale Regulierung (Impulskontrolle),
    • verbessertes Körperbewusstsein und gesteigerte Selbstwahrnehmung,
    • gesteigertes Empathievermögen sowie
    • positive Auswirkungen auf das Immunsystem.

    Messbare Unterschiede zu Kontrollgruppen oder zu vorher gibt es bereits bei kleinen, regelmäßigen Einheiten und die Techniken haben unterschiedliche Effekte, es ist also nicht egal was man übt. Besonders interessant ist: In der Magnetresonanztomografie (MRT) zeigt sich „Neuroplastizität“, das ist die positive Fähigkeit unseres Gehirns bis ins hohe Alter sich selbst zu regenerieren und neue Verbindungen zwischen Nervenzellen und Gehirnarealen zu schaffen. Die Gehirnleistung entwickelt sich so weiter. Hier zeigen sich vor allem zwei messbare Veränderungen in der grauen Substanz: Beim Alarmzentrum Amygdala (Mandelkern), ein uralter Teil des Gehirns, der für die Regulierung von Angst und Emotionen zuständig ist. Dieser Teil schrumpft. Und es zeigt sich, dass der Hippocampus, zuständig für die Gedächtnisfunktionen, wächst.

    Bei absoluten Meditationsprofis wurden sogar im Bereich der Epigenetik Auswirkungen der Praxis dokumentiert. Beobachtet wurde eine biologische Verjüngung, die sogenannte Telomerase der Chromosomen.

    Untersuchung der Amygdala im MRT. Sreenshot aus der arte-Dokumentation „Die heilsame Kraft der Meditation“.

    „Wir haben solide Studien, die zeigen, dass bei Meditierenden die Anspannung nach einer herausfordernden Situation vergleichsweise schnell wieder abnimmt. Sie bleiben offenbar nicht so stark an negativen Gefühlen kleben. Insgesamt gibt es derzeit knapp 7.000 Veröffentlichungen, die sich mit dem Thema Achtsamkeit beschäftigen, allein im letzten Jahr (Anm. 2020) sind 1.400 hinzugekommen. Es zeigt sich, dass Achtsamkeit vor allem Stress und Ängste reduziert und gut wirksam ist bei Depression, Schmerzen oder auch zur Raucherentwöhnung. Eine Überblicksstudie ergab sogar, dass sich die Im­mun­abwehr des Körpers verbessert“, fasst die deutsche Hirnforscherin Britta Hölzel zusammen (Interview mit GEO WISSEN, HIER zum Nachlesen).

    Auch österreichische Forscher:innen der Medizinischen Universität Innsbruck haben jüngst Neuroplastizität im MRT nachgewiesen. Das Gehirn der 39 Proband*innen hat sich neu vernetzt und wieder zeigt sich: es sind keine Vorkenntnisse notwendig und wenige Minuten täglich reichen. (HIER zum Artikel).

    Zwei Video-Empfehlungen zum Informieren und Einsteigen

    1.) Was kann Meditation? Wie die Neurowissenschaft Menschen untersucht, die Achtsamkeit praktizieren, zeigt die sehr gut gemachte arte-Dokumenation Die heilsame Kraft der Meditation (50:32 Min). Mit Wissenschafter*innen und Professionist*innen aus Forschung, Medizin und Therapie.

    2.) Im Interview mit der schweizer Journalistin und Philosophin Barbara Bleisch ist zuerst der Neurowissenschafter Richard Davidson (USA), einer der führenden Forscher:innen auf dem Gebiet der Meditation, und im zweiten Teil der Historiker Theodore Zeldin (GB), der dem Trend kritisch gegenüber steht. Was bringt das Meditieren? Richard Davidson & Theodore Zeldin über den Meditations-Boom (57:11 Min) aus Sternstunde Philosophie von SRF Kultur.

  • Woher der Hype um Healthy Mind kommt

    Woher der Hype um Healthy Mind kommt

    (Lesedauer 2,5 Min.)

    (Lesedauer 2,5 Min.)

    Unsicherheiten in der Zukunft. Neue Arbeitsmodelle. Die Digitalisierung. Wo ist hier der Notausgang? „Die Coronavirus-Krise hat nicht nur eine Rekord-Arbeitslosigkeit zur Folge: Auch die, die ihren Job behalten haben, leiden zunehmend unter den erschwerten Bedingungen“, ist heute Morgen (salzburg.orf.at) zu lesen. Das zentrale Ergebnis des aktuellen Arbeitsklimaindex der AK: „Der Druck auf die Arbeitnehmer ist im Vergleich zur Zeit vor CoV spürbar gewachsen.“ Aber schon vor der Zäsur durch die Covid-Pandemie war das Arbeitsleben in vielen Branchen von Stress und Flexibilität geprägt (orf.at). Viele jonglieren Beruf und Kinderbetreuung.

    Vor allem aber die Anforderungen des digitalen Arbeitens haben in den letzten Jahren ganz spürbar zugenommen: mehr Bildschirmzeiten als früher, auch privat, viel sitzend. Und alarmierend ist, dass dasdas Internet nachweislich die menschliche Kognition verändert. Die Konzentrationsfähigkeit leidet und die Gehirnstruktur verändert sich (forschung-und-lehre.de). Auch bekannt ist inzwischen, dass Social Media für manche negative Auswirkungen hat oder Depressionen befördern kann (br.de).

    Der Wunsch nach Ausgleich, Veränderung oder Inspiration.

    Gleichzeitig gibt es, wie als Gegenbewegung, einen Achtsamkeits-Boom: ein übergroßes Angebot für privat und Business, Blitzkurse, Challenges, für morgens, abends für erholsameren Schlaf oder zwischendurch. Welche zum Einsteigen, welche zum Dranbleiben. Online-Tutorials und Live-Sessions, Bücher, Magazine, Podcasts, CDs und Playlists, sogar Wellnessprodukte für achtsames, ritualisiertes Eincremen & Co.

    Die Corona-Krise setzt dem Ganzen ein Sahnehäubchen auf und entwickelt sich zu einer Art Turbobeschleuniger. Immer mehr Artikel und Interviews mit wissenschaftlichem Bezug thematisieren das Orientieren und mental gesund bleiben im neuen „Corona-Ausnahmealltag“. Es ist gesund und wichtig diesen Hype um Hirn & Healthy Mind kritisch zu betrachten und zu überprüfen, welche Techniken wirklich Sinn für einen selbst machen und wie man sich annähern will.

    So neu ist das alles gar nicht: Kleine Übungen, große Wirkungen

    Sich Auszeiten zu nehmen, Rituale zu pflegen und in Kontakt mit sich selbst zu sein beruht auf Praktiken, die Jahrhunderte oder Jahrtausende alt sind, wie die Meditation, oder die Kontemplation. Immer mehr und mehr Menschen finden Gefallen an täglicher (Morgen-)Routine und dem „Aussteigen aus dem Autopilot-Modus“. Das bedeutet, sich immer wieder im Alltag daran zu erinnern, bewusst im Moment zu sein und nicht in Gedanken in einer potenziellen Zukunft oder Situationen der Vergangenheit, oder in der PC- oder Handyfalle abgedriftet. Dabei geht esrein um das Bemerken des Autopilot-Modus an sich. Und dann um das bewusste Aussteigen. Das ist das Gehirntraining. That’s it. Mindfulness ist wie ein Alltags-Gehirntraining für eine abgelenkte und gestresste Gesellschaft.

    Eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen belegt, dass Meditation und Achtsamkeitstraining einenpositiven Einfluss auf das menschliche Gehirn und die Gesundheit haben. Auch Spitzensportler bedienen sich dieses Gehirntrainings nach der Formel „10 Pro­zent phy­si­sche, 90 Pro­zent men­tale Stärke“. Schneller in den Flow-Zustand kommen, selbstverständlich Leistung abrufen, mit dem Herz dabei und in Rücksprache mit sich selber sein. Ein gutes Rezept und ein sinnvolles Mindset, um die Wellen der (Ge)Zeiten zu surfen.

    Die Welle kommt. Wie nehme ich sie? Bild von Free-Photos auf Pixabay

  • Training als Qualitytime

    Training als Qualitytime

    (Lesedauer 1 Min.)

    Gibt es etwas, das du im Alltag bereits bewusst tust? Etwas, das dir oder anderen gut tut? Oder dir eine besondere Sicht auf den Augenblick gibt? Oder einen Ausgleich verschafft? Bestimmt. Nichts anderes macht dieses „Mindfulness“.

    Es ist vielleicht auch nicht so wichtig, ob man dem Ganzen skeptisch gegenüber steht, oder neugierig. Man sollte sich selbst eher die Chance geben über einen Zeitraum von einigen Wochen hinweg einfach einmal wertfrei und konsequent auszuprobieren. Und einen zeitlichen Rahmen zu schaffen, den man als Qualitytime für sich selber sieht. Es kann hilfreich sein, sich anfangs oder immer wieder mal führen zu lassen. In meinen Augen gibt es kein richtiges oder falsches Üben.

    Am besten klappt es unmittelbar nach dem Aufstehen, wenn der Geist noch ruhig ist. Achte darauf, dass du nicht gestört wirst. Setze dich gerade hin, lege deine Hände ab und lasse die Augen geschlossen oder halboffen ruhen. Der Platz kann schon am Vorabend hergerichtet werden. Das Handy ist im Flugmodus, keine Nachrichten oder Mails vorab lesen, Frühstück richten etc. Wenn du dafür gleich z.B. 30 Minuten früher aufstehst, kannst du die Zeit als tägliche Qualitytime für dich selbst einplanen. Es hat was, den Tag so beginnen zu lassen: Morgenstund hat wirklich Gold im Mund…